Das Leben in Makria Pounta und Patniotes vor 50 Jahren

Erzählungen von Xenokrates Psomas

aufgezeichnet von Christian Körner Basel/Limnionas im Oktober 2003

An der Strasse von Limnionas nach Klima steht, 200 m vor der Taverne "Ende der Welt" (weil dort bis vor kurzem die Strasse endete) von Andreas Kotsos, bergseitig ein einstöckiges, renoviertes Haus an einer Innenkurve. Daneben zieht ein trockener Graben hinauf. Myrthen beweisen Wasser in der Tiefe, ebenso spanisches Rohr (Arundo donax), im Unterlauf näher der Küste. Die Gegend heisst Patniotes, weil sich hier vor langer Zeit Leute aus Patmos ansiedelten.

In den Ruinen noch vor der Kurve, knapp oberhalb der Strasse lebten früher zwei Brüder, die aus Ziegenhaar Seile, Schnüre und Press-Säcke für die Oelpresse fertigten. Es gab ja etliche hundert Ziegen hier. Den Hang ziehen heute noch Terrassen hoch, die bis vor 50-60 Jahren mit Getreide bestellt waren. Wintergetreide wurde im November, Sommergetreide im Februar angebaut, Anfang Juni wurde geerntet und auf runden, ebenen Dreschplätzen mit Pferd oder Esel gedroschen. Es wurde Weizen und Gerste angebaut, aus beidem wurde Brot gemacht. Überall auf den Hängen entdeckt man Reste von Häusern, in einem davon wuchs unser Zeitzeuge mit 2 Brüdern und 2 Schwestern (5 Kinder) auf und zog dann mit 22 Jahren (1958) so wie viele Inselgriechen von hier in die Welt. Das Haus in dem die Familie lebte hat innen vielleicht 3 x 6 m. Wie auf der Fläche von höchstens 20 m2 sieben Menschen leben, kochen, schlafen können?

Mit seinem Lizeums-Abschluss von Marathokampos (wo alle Familien hier ein zweites Haus hatten und wo man auch die Kinder zur Welt brachte) konnte Xenokrates als Kapitänsanwärter auf ein Schiff gehen. Mit 32 hatte er es zum ersten Kapitän gebracht und befuhr alle Weltmeere, häufig Yokohama-Los Angeles. Wenn man ältere Leute in den Oelgärten arbeiten sieht, sollte man daran denken, dass die vermutlich mehr von der Welt sahen als unsereiner.

Eines Abends im Oktober 2003 stand Xenokrates um halbsechs mit seinem offenen Transporter vor unserem Haus und lud uns ein, mit ihm die Gegend seiner Jugend zu besuchen. Er wusste, dass uns das Leben hier am Land interessierte. Wir fuhren bis zur Taverne von Andreas, dann rechts hoch, die eben erst frei geschobene neue Strasse nach Ag. Kyriaki. Nach 2 Kurven, eine lange Hangtrasse, bis wir bei einer Ruine kehren können - oberhalb mächtige Felsköpfe, unten sein Elternhaus und die Weite der abendlichen Inseln. Es war ein traumhafter Abend. Wo sonst gerade Patmos zu erahnen ist, war der ganze Horizont voll von Inseln. Fourni und Ikaria zum Greifen nah und klar. Das Meer tiefblau bis violett, der Himmel im reinsten Himmelblau das man sich vorstellen kann, mit bizarren rosaroten Wolkenfetzen im Schein der hinter Ikaria verschwundenen Sonne. Eine Stimmung wie wir sie noch nie erlebten.

Hier in Patniotes lebte noch eine zweite Familie. In der Makria Pounta, dem berühmten Naturhafen und seinerzeit Zuflucht für Fischerboote aus Ormos bei Südwind und generell im Winter, lebten 8 Familien, zusammen also 10 Familien mit in Summe rund 50 Personen, auf einem Landstrich von etwa 1.5 km Länge. Allein 5 Fischerfamilien der Moukazis-Sippschaft, aus der heute noch Frau und Kinder des kranken Alexis bei der Kirche Ag. Nikolaos die Fischerei betreiben, lebten hier.

Alle 10 Familien waren von einer einzigen verlässlichen Quelle abhängig, die 80 Höhenmeter oberhalb von Alexis, etwa 20 m oberhalb der heutigen Strasse hinter dem jetzigen Ferienhaus "Manola" (seit 1991) entspringt. Das Land gehörte einem Vertreter der zweiten wichtigen Sippschaft, den Manolis, weshalb man die Quelle "Manola" nannte. Sie gilt als Allgemeingut, niemand kann sie besitzen. Alle Familien holten von hier mit Tonkrügen das Wasser. 1974 wurde noch ein Wasserrohr mit Hahn angeschlossen, aber da war die Quelle schon proble-matisch. An den Pfaden zu Manola zeugen Scherben von verunglückten Krügen. Xenokrates musste das Wasser etwa 15 Minuten heim tragen, und ein gutes Stück bergauf. Die anderen Quellen der Gegend waren unbeständig. Erst in den frühen 70er Jahren ging die Schüttung der Quellen zurück (das Klima wurde wie Jahrringanalysen an Föhren zeigen, trockener) und im Dürrejahr 2000 versiegten alle Quellen. Seit dem gibt es nur nach feuchtem Winter und Frühjahr etwas Wasser. Die Häuser wurden dort gebaut wo das Land gut war und wo man Land erbte, da wurde das Wasserschleppen in Kauf genommen.

Also standen wir über dieser weiten Landschaft. Xenokrates erzählte, wie die Esel am Steig von und nach Klima (richtig: Klyma, der Rebstock) hier vorbeikamen. Der Weg zog hoch am Hang nach Osten hinauf, ging letztlich bis Marathokampos, etwa 3 Gehstunden von hier. Auch zur mechanischen Oelpresse in Ag. Kyriaki zogen die Tragtierkarawanen hier vorbei. Die noch ältere Oelpresse am Plateau oberhalb Apartments Katina war schon eingestellt als Xenokrates ein Kind war. Die sehenswerte Regenwasserzisterne ist noch fast intakt, die Mühlsteine liegen noch neben der Ruine - kein Mensch weiss, wie die da hochgeschafft wurden und warum die Presse grad da oben war. Das Getreide, das an allen Südhängen angebaut wurde wanderte ebenfalls diesen Steig auf Elselsrücken zur Mühle im Tal zwischen Kerkis und Marathokampos. Dort hatte es Wasser, es gab eine echte Wassermühle. Am Kamm oberhalb Marathokampos, wo heute die Wind-Stromgeneratoren drehen, standen Windmühlen. Abends zogen die Esel mit den Mehlsäcken wieder heim. Was wär die Menschheit ohne Esel? So zogen die Esel auch den Tsipiliki Hügel auf der Halbinsel zwischen Limnionas und Makria Pounta hoch, weil oben auf der Kuppe auch ein Dreschplatz war, wo der Wind das Trennen von Spreu und Weizen erleichterte.

Der Schulweg von Xenokrates ging über den Berg nach Ag. Kyriaki, etwa 40 Minuten für ihn, zunächst rechts vorbei an einem Haufen riesiger Felsklötze, genannt der rote Fels und auch so in manchen Landkarten erwähnt (Korkinovrachos). Dieser Bergsturz zeugt von einem Erdbeben (etwa 1904), bei dem der einst markante Felsturm zerbarst und dabei eine rote Staubsäule in den Himmel schickte, die bis Marathokampos zu sehen war, erzählt man sich. Im Winter war dieser Teil des Schulwegs etwas schaurig, weil oben in einer Art Schlucht zwischen der Felswand und dem Bergsturz Koyoten hausten und heulten. Da kam dann, wenn es an dämmrigen Winternachmittagen spät wurde, der Vater entgegen. In diesem Felssturztal steht ein mächtiger Feigenbaum, der als erster reife Früchte hatte - schon im Juni. In die Kirche ging man nicht. Das war zu weit. Nur Weihnachten und Ostern war ein großer Auflauf bei der Kirche Ag. Nikolaos in der Makria Pounta. Xenokrates bedauert, dass das alte Steindach durch ein "ordinäres" Ziegeldach ersetzt wurde.

Neben der grossen Ziegenherde einer Hirtenfamilie hatte jede Familie noch ihre eigene kleine Ziegenherde, etliche Schafe, Hühner, grosse Olivengärten, viel Getreide, 2 Backöfen, 40 Bienenstöcke, und Fische... Oliven in Meerwasser eingelegt wurden als Nahrungsmittel, nicht als Würze verstanden. Es gab auch eine kleine Getreide-Steinmühle. Etwas Getreide wurde auch zugekauft. Der runde Dreschplatz ist noch zu sehen. Die Hühner fraßen was sie fanden, vor allem Samen, legten auch ihre Eier irgendwo. Das alles funktionierte nur weil Hunde da waren. Es gab ja neben Koyoten auch Adler, Bussarde und Füchse. Die Hunde passten auf die Hühner, Ziegen und Schafe auf. Die Ziegen und Schafe kamen abends von selber heim, es ging niemand mit, nur die Hunde. Einmal fehlte abends ein Schaf und ein Hund. Beide wurden am nächsten Morgen gefunden. Das Schaf konnte nicht mehr vor und zurück, es hat sich verstiegen. Also blieb der Hund die ganze Nacht dabei und schlief neben dem Schaf, auf dass ihm nichts passierte... Das Land war damals kahl gefressen, nicht wie heute voller Sträucher.

Fische waren sehr wichtig. Alle fischten, nicht nur die Fischer. Ein besonders guter Platz war die blaue Grotte, wenn man die Halbinsel bei Andreas hinausgeht/klettert, ein schwarzer senkrechter Felsabsturz, in dessen Bucht das Wasser tiefblau ist. Bei stillem Meer konnte man von hier heroben sogar grössere Fische im Wasser sehen. Auch an dem Abend konnte man trotz Wellen die dunklen Seegrasstreifen im Wechsel mit türkis Sandstreifen am Meeresgrund sehen. Zum Fels-sporn direkt unter dem Haus konnte man trotz der Distanz von mindestens 200 m von heroben rufen: "Hast Du Fische zum Braten oder Kochen?" Entsprechend konnte vorbereitet werden. Die Fischer segelten und ruderten bis nach Fourni hinüber. Eine extrem stürmische Wasserstrasse. Wenn das Wetter sie nicht mehr zurückließ mussten sie in Fourni übernachten. Heute ziehen große Frachtschiffe hier durch. Die Wellen haben immer Schaumkronen.

Fische hatte es viel mehr als heute, was immer das heisst. Oft kamen Delphine, auch Haie, sie wurden aber auch seltener. Letztes Jahr fing jedoch der Sohn von Alexis einen 80 kg schweren Hai. Als Xenokrates etwa 16 war, verfing sich einmal ein 800 kg schwerer Hai in den Netzen von Alexis. Alle Bewohner der Hänge mussten helfen um das Ungeheuer zu bergen. Der Riesenhai zerbiss sogar den Anker und war erst mit einer Ladung Dynamit am Kopf zur Strecke zu bringen. Er musste im Wasser zerteilt werden. Das Fleisch ist bei dieser Grösse nicht mehr geniessbar aber das Tier ist ein wahrer Fettberg und wurde zur Seifenfabrik (die normalerweise die Fettreste der Oelpressen verwertet) bei Ormos verfrachtet. Vorher wurde die Leber in einen grossen Krug geborgen, wo sich nach der Zersetzung ein kostbares Oel abscheidet. Der Hai wollte die Fische im Netz fressen und verwickelte sich dabei hoffnungslos.

Die Bienenstöcke hatten ein schönes windstilles Plätzchen unter einem Felsen 50 m unterhalb des Hauses im Westen. Es gab auch Wildbienen. Xenokrates zeigt auf einen dunklen Spalt in der Felswand oben am Berg. Dort holten sie nach Ausräuchern 15 Kannen (?) Honig heraus. Ein Kind ass bei der Ernte so viel, dass ihm elend-schlecht wurde. Die ganze Landwirtschaft hier geschah ohne jegliche Bewässerung. Die Winterregen waren enorm kräftig, nach alten Aufzeichnungen der Wetterstation von Samos Stadt seit 1931 etwa 900 mm in 3-4 Monaten. Durch das Pflügen und Terrassieren wurde viel Wasser zurückgehalten und im Boden gespeichert. Heute schiesst das Regenwasser die verhärteten Hänge hinunter und der üppige Busch zieht den Rest heraus. Xenokrates meint, das ist mit ein Grund für das Versiegen der Quellen. Wir wissen aber auch, dass der Niederschlag im Schnitt der letzten 30-40 Jahre nur mehr 600 mm betrug, in einzelnen Jahren sogar unter 400 mm sank (1992, 2000).

Der im Dezember 2007 plötzlich verstorbene Xenokrates Psomas, dem wir diese Geschichte verdanken – hier beim Oliven-Veredeln.

Das Ende der Besiedlung war das grosse Feuer von 1986, das alle Olivengärten bis zur Makria Pounta zerstörte und die meisten Häuser mitnahm. 1997 branne es wieder. Die östliche Feuergrenze war knapp jenseits (östlich) des Grabens oberhalb der Ziegenhaarbrüder. Wie durch ein Wunder drehte der übliche Nachmittagswind Maestro (von Westen) plötzlich und das Flammenmeer kam hier zum Stillstand. Wir sahen 1997 zwei Wochen danach die Brandflächen, die hoch bis auf die Wasserscheide reichten. Der Niedergang und die Abwanderung setzten aber schon vorher ein. Wassermangel und die allgemeine Entwicklung trugen dazu bei. Im Krieg waren zuerst italienische Truppen hier, die eine Evakuierung anordneten, weil man da draussen Schiessübungen machen wollte. Der Vater blieb aber und nahm Deckung in der grossen Grotte 80 m bergab, südwestlich des Hauses. Viel wurde aber gar nicht geschossen. Die Lebensmittel waren damals extrem knapp. Auf der Halbinsel westlich von Andreas wurden auf der Seite zu Fourni zu grosse Weizenfelder angelegt. Ochsen kamen um sie zu pflügen. Als die Deutschen nahten flüchteten alle. 3000 Leute verschifften sich über Umwege nach Sinai. 2 Jahre existierte das Griechenlager dort. Sie kehrten aber nach dem Krieg alle zurück, viele nicht mehr auf die steilen Aecker sondern in die Städte. Diese Ereignisse haben sicher auch zum allmählichen Rückgang der Landnutzung beigetragen.

Die Dämmerung zieht herein, es ist ziemlich kühl. Die klare Sicht brachte der Nordwind. Wir holpern zurück nach Limnionas. Vorbei an lauter kleinen verfallenen Häuschen, jedes mit seiner Geschichte. Es bleibt der Eindruck einer autarken Gesellschaft, von Tieren die das Leben prägten, von Tragtieren mit Mehlsäcken, von Eseln die mit ihrem Hufschlag über dem Getreide kreisten bis dann beim nachmittäglichen Maestro-Wind, die Spreu der Luft übergeben wurde, von goldgelben Getreidestreifen auf allen Hängen, Mandelbäumchen und Oliven, Oliven, Oliven, von Kindern mit Wasserkrügen, die weitab der "Zivilisation" aufwuchsen und dennoch den Weg in die Welt fanden.